Freitag, 26. Dezember 2008

Die Hebamme II – Die Flucht

Marthe sitzt also in einem Gebüsch, oder, in unserer speziellen Weltsicht, unter ein paar Farnwedeln, lässt sich ein wenig nassregnen und beobachtet das Dorf. Wenig später kommen auch tatsächlich Ossi und Luddi angeritten, terrorisieren die Dorfbewohner ein wenig und reiten dann weiter Richtung Marthes und Serafinas Kate. Marthe macht sich aber nicht übermäßig Sorgen, denn:

Sie war sich sicher, dass ihre Ziemutter nicht mehr lebte. Irgendwann während ihrer Bemühungen um Irmhild hatte diese Gewissheit plötzlich ihr Innerstes durchflutet.


Praktisch, sowas, in Zeiten der Cholera vor ordentlicher Telekommunikation.

Trotzdem macht sie sich auf den Weg zu ihrer Kate und trifft unterwegs Itta, eine Alte aus dem Dorf. Die ist voll informiert und teilt Marthe Sue gleich mit, dass Ossi und Luddi grade die Kate niederbrennen. Anger-Management, weil sie Marthe nicht gefunden haben. Sehr pro-, wenn auch etwas aggressiv.

Marthe ist erschüttert und schlägt das Angebot Ittas, bei ihr und ihrem Mann Unterschlupf zu finden, natürlich aus, schließlich möchte sie die beiden nicht gefährden. „Neeeeeeiiiiin, ich bin eine Gefaaahr für Dich!" – woher kennen wir das gleich nochmal? Ich komme grade nicht drauf.

Itta ist froh drüber und dreht ab Richtung Dorf, während Marthe die Bescherung dann ganz gerne mit eigenen Augen ansehen möchte und trotz Gefahr weiter in Richtung Kate schleicht.

Dort stellt sie fest jawohl, die Kate brennt und nein, sie kann gar nichts mehr tun. Darauf stellt sich die Frage, wohin sie denn gehen solle, verfolgt vom bösen Wulfhart. Nachdem jede weise Frau (oder, in Marthes Fall, jeder weise Teenager) minütlich damit rechnen muss, erschlagen oder verjagt zu werden, kann sie sich nicht einfach in einem fremden Dorf niederlassen.

Tiefe Hoffnungslosigkeit erfüllte Marthe, als sie ihre Zukunftsaussichten überdachte: allein und hungernd durch die Fremde zu irren, als Heimatlose erschlagen zu werden oder als Hure zu enden. [...] Die Ersten, denen ich über den Weg laufe, werden mich zur Hure machen[.]


Ja, okay, den Teil mit der Hure und dem ganzen Sehks haben wir jetzt verstanden denke ich.

Sie verkriecht sich also wieder ins Gebüsch und jammert erst einmal ordentlich vor sich hin, da kommt ihr eine geniale Idee. Sie könnte sich doch dem Tross von Bauern anschließen, der vor Kurzem mit einem fremden Ritter () aufgebrochen war, um Land im fernen Osten urbar zu machen. Stellt sich natürlich die Frage, ob man diesem fremden Ritter trauen kann.

Die Dorfbewohner hatten Marthe erzählt, dass er ein rechter Finsterling sei. Er mache wenig Worte und lächle nie.


Ein gebrochener Mann, den nur die Liebe einer guten Frau wieder zu retten vermag. Jaja.

Trotzdem, viele andere Optionen hat sie nicht, also rennt sie durch den Wald den Siedlern hinterher. Nach einer Weile sieht sie ein Feuer in der Nähe und schleicht erst einmal heran, es könnte ja auch Gesindel sein. Als weiser Teenager muss man im finsteren Mittelalter vorsichtig sein.

Marthe war auf dreißig Schritt an das Feuer heransgekommen, als sie spürte, dass jemand in unmittelbarer Nähe war. Sie blieb stehen, straffte sich und sagte leise, aber deutlich „Ich komme allein und bitte um euren Schutz!"
Wie aus dem Nichts tauchte neben ihr der fremde Ritter auf[.] Er war groß und schlank, mochte Mitte zwanzig sein und trug ein schlichtes Lederwams. Dunkel Haare fielen ihm auf die Schulter. Sein Gesicht war scharf geschnitten und wirkte so düster, als würde es kein Lächeln kennen.
[...] „Wie hast Du mich bemerkt? Ich habe kein Geräusch gemacht", fragte er mit einer kaum wahrnehmbaren Spur von Staunen.


Jetzt mit „ich habe übersinnliche Wahrnehmung, aber bitte deswegen nicht gleich als Hexe umbringen, kthxbai" zu antworten wäre vielleicht etwas ungünstig, also fuchtelt Marthe Sue nur ein wenig herum, bittet erneut um Schutz und erzählt ihre Geschichte. Ritter Christian ist schnell überzeugt.

Dieses Mädchen hier braucht und verdient Schutz, dachte er. Schmal und abgehetzt, wie sie vor ihm saß, wirkte sie zerbrechlich. Ob sie stark genug für die Plagen und Gefahren des Weges sein würde?


Och, Du, es gibt zwei Fortsetzungen. Ich schätze mal, sie wird es packen.

Als Marthe ihre Geschichte beendet hatte, schaute sie auf. Dabei traf ihr Blick so unverhofft den des Ritters, dass sie sich bis ins Innerste getroffen fühlte. In den dunkeln Augen des Fremden spiegelte sich der Schein des Feuers wider. [...] Sie erahnte eine verborgene Leidenschaft hinter der beherrschten, strengen Mine.


Ja. Is' recht.

Verborgene Leidenschaft hin oder her, man kann ja nicht ewig im Wald herumsitzen und Geschichten erzählen. Ritter Christian nimmt Marthe mit ans Feuer der Siedler, wo ihre Ankunft mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird. Man ist schließlich grade dem dumpf-bösen Wulfi entkommen, da ist man nicht scharf darauf jemanden an den Busen zu drücken, der von ihm verfolgt wird.

Griseldis, die Frau des Ältesten, fängt gleich an zu keifen und zu zetern. Was Marthe sich denn einbilde, dass die anderen sie durchfüttern würden, überhaupt wäre das viel zu gefährlich und sowieso und Unverschämtheit.
Ja, nun, meint Marthe, sie könne ja helfen, wenn jemand Fieber hätte, oder sich jemand verletzt. Oder sie könne Kinder auf die Welt holen, wie den Sohn, den Griseldis grade trägt.

Die ist erst mal baff.

„Woher weißt Du ...? Ich bin mir doch selbst noch nicht sicher."
Marthe trat verlegen von einem Bein aufs andere. Sie hatte es nicht gewusst, bevor sie es aussprach, und nicht die geringste Ahnung, woher dieses Wissen kam. Aber sie war sich völlig sicher.


Die Offenbarungen kommen hier ja im Minutentakt. Muss anstrengend sein, jedenfalls ist Marthe rechtschaffen erschöpft. Der allgemeine Konsens ist, dass man Marthe erst mal mitnehmen wird, allerdings müsse sie, wenn man erst mal angekommen sei, natürlich versorgt sein, sprich, heiraten.

Christian, Ritter, macht der Diskussion ein Ende und beschließt, dass man darüber beschließen könne, wenn es soweit sei. Marthe setzt sich, guckt sich die Leutchen an und, wie könnte es anders sein, visioniert mal wieder.

Ein jäher Schmerz zuckte durch ihre rechte Schläfe.
Mit einem Mal war ihr, als ob eine Stimme in ihrem Kopf erklang: „Drei werden sterben, und einer wird uns alle ganz furchtbar verraten."


Ich würde jetzt gerne wieder den Lottozahlenscherz bringen, aber den habe ich schon beim letzten Buch bezüglich Visionen, Präkognition und Hellsehen etwas strapaziert.

Marthe Sue wird von dieser Offenbarung jedenfalls umgehauen und mit ihrem Bewusstsein versinkt auch das Ende des Kapitels in Dunkelheit.

Ende.

Kommentare:

brombeere hat gesagt…

Weißt du, ich schreibe ja für mein Leben gerne und überlege manchmal, ob ich nicht einfach mal ne nette kleine Story via self-publishing auf die Öffentlichkeit loslassen sollte. Und denke mir dann, nee, das will keiner lesen. Und für so einen Schinken kriegen die sogar GELD. Alter.

schildmehdchen hat gesagt…

Es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Gedanken des Forums gleichen. *g*

Um es mit Lynx zu sagen: Alteeeeer. Und ich denke immer, der Kram, den ich so ab und zu in besonders hormongeschwängerten Phasen im Kopf habe, sei schlimm. Ich sollte ihn aufschreiben. Ich könnte reich werden.

Beri hat gesagt…

Exactly my thoughts... es ist nicht zu fassen, dass so was veröffentlicht wird und auch noch Abnehmer findet... ürgs ist das schlecht.

Aber Vianne, nur weiter so, ich amüsiere mich hier köstlich. Thi.

FrauKatz hat gesagt…

Na, um ehrlich zu sein, wenn ich damit Erfolg haben könnte, ich würde auch sowas schreiben. :opportunistisch:

Und es gefällt den Leuten. Viele Leser glücklich zu machen ist ja auch schon mal was. ;-)