Mittwoch, 6. Januar 2010

Das gläserne Tor – XXV

Nachdem wir Anschi nun in den letzten Kapiteln gründlich behandelt haben (und er außerdem schon länger wieder was anhat) wenden wir uns in diesem Kapitel nun der Heimkehrerin Gigi zu. Die hüpfte vor so zwei Kapiteln in den Kuhschwanz und hoffte das Beste.

Der Kuhschwanz war in diesem Fall sogar gnädig und spuckte Gigi sowie Pater Noster in einer nachtschlafenen Stadt aus. Dort stellen sich ihnen erst mal die beiden wichtigsten Fragen aller Zeit- und Dimensionsreisenden:
  1. Wo bin ich?
  2. Wann bin ich?

Das Wo ist schnell geklärt, als Gigi ihre Botaniksuperkräfte aus dem Hut zieht und an der nächsten Gartenmauer mit scharfem Blick das umrankende Gewächs als nativ und ausschließlich herschedisch erkennt.

„Da schlag doch einer lang hin! Wie sind in Hersched. Diese Blume wächst nur hier.“
„Ich glaube, wir sind sogar in Heria.“

Na, das ist doch mal praktisch! Gigi und Pater Noster sind gehörig erleichtert, dass sie nicht in der Wüste oder einem anderen gottverlassenen Ort herausgekommen sind. (Und wie wir wissen, ist Heria nun ja alles andere als gottverlassen, im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich hat Malle den Gott im Keller zwischen Wein und Ommas eingemachtem Kürbis süß-sauer gut eingelagert.)
Nun müssen unsere Reisenden nur noch aus Malles Stadthälfte Heria in des guten Königs Stadthälfte Argadye gelangen, denn dass Malle sie erst mal festnehmen lassen würde, das ist beiden klar.

Geht soweit auch alles gut und dank Fidya, Lieblingsgeliebte des Königs, kommen die beiden Weitgereisten auch ohne Probleme in den Palast. Fidya hat in der Zwischenzeit einen veritablen Kugelbauch entwickelt, was Grazia so ein bisschen eine Vorstellung davon gibt, wieviel Zeit vergangen sein könnte.

„Wie lange war ich fort?“, fragte Grazia[.]
„Du bist einfach weggelaufen, das war dumm. Nun, wann war das? Vor vier Monaten, glaube ich.“
Vier Monate! Grazia warf einen verzweifelten Blick zu Bruder Benedikt, aber der hob nur die Schultern.
„Wir mussten damit rechnen.“

Gigi verlangt dann dringend nach dem Meya und Fidya watschelt los, ihn zu holen. Unsere Heldin zieht sich währenddessem um und versucht ihr strahlendstes Lächeln. Nutzt ihr anfangs allerdings nicht viel, denn der Meya ist stinksauer, hui! Allerdings verraucht seine Wut dann auch recht schnell wieder und Gigi spinnt ihren Plan zur Rettung Anschars.

Wir erinnern uns an den alten Sklaven Henon, der sich vor etlichen Kapiteln verplapperte und so herauskam, dass Anschis Mutter eigentlich eine hochherrschaftliche Gesandte aus dem fernen Lande Temenon war, die unglücklicherweise versklavt wurde, bevor sie ihr Ziel (die Aussöhnung der beiden verfeindeten Staaten) erreichte? Nun, sie hatte es aber auch schwer, die Argadisten versklaven ja alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist und mit Äpfeln wirft, kann man nicht leugnen, das. Und das haben sie nun davon!

Grazia hat den Schmuck der Mutter (von der Pfaueninsel, ne?) als Beweis mitgebracht und erklärt dem Meya, dass die Sklavin, die ihm damals diese „Ich bin eigentlich eine Gesandte aus Temenon“-Geschichte erzählte nicht nur Anschars Mutter sondern eben tatsächlich eine hochwohlgeborene Gesandte war und dass er nun wenigstens ihrem Sohn helfen müsse, denn gerüchteweise würde eine Versöhnung der beiden Nationen die Dürre beenden. Die wurde damals von den Göttern ja nur erfunden, weil ihnen die ewigen Streitereien zwischen den beiden Zankstaaten auf den Nerv gingen, jawohl.

Ein erstickter Schrei ertönte auf der Terasse. „Ihr Götter! Nein! Warum? Warum nur? Es lag in meiner Hand, den Fluch zu abzuwenden. Und ich habe es nicht begriffen. Ich habe es nicht begriffen!“
[...]
Fidya flog ihm entgegen und versuchte ihn zu beruhigen. „Schscht, mein Meya“, sagte sie leiste.

Und hier möchte ich euch an einem Verleser und in Folge auch an der Verdrahtung meiner Hirnwindungen teilhaben lassen. Statt Schscht las ich nämlich Schorsch und weil ich Meya schon von Anfang an mit Mayor assoziiere, was ja bekanntlich „Bürgermeister“ heißt, werde ich König Madyur für den Rest des Buches nur noch „Bürgermeister Schorsch“ nennen.

Sorry.

Gut, Madyur ist verständlicherweise erschüttert. Zum einen, weil er damals das Gerede der Sklavin nicht ernst genommen hatte, zum anderen, weil Anschar schon seit vier Monaten tot ist.

Da ist dann Gigi auch so ein bisschen erschüttert.

Ihr Herz fühlte sich an wie zersprungenes Glas. Kalt, mit scharfen Kanten, die ihr Inneres zerschnitten, wenn sie sich nur bewegte.
Awwww. Diesen Abschnitt finde ich schön. Nicht nur, weil Das Innerste®, das wir seit Marthe schätzen und lieben gelernt haben, wieder mal auftaucht. Auch allgemein. Ein sehr schönes sprachliches Bild. Ich wubbe.

Gigi hat nun aber, wer könne es ihr verübeln, keinen Blick für die lyrische Schönheit ihres Leidens und leidet seitenlang. Kurz wird die Möglichkeit erörtert, durch das Tor zurück nach Berlin und nochmal neu nach Argad zu höppen, um vielleicht zu einem früheren Zeitpunkt herauszukommen, wird aber wieder verworfen, weil die Chancen nun wirklich extrem klein und die Sperenzchen des Kuhschwanztores viel zu unberechenbar sind.

Ja, was tut man in einer solchen Situation? Sich selbst dafür schelten, dem Geliebten nie gesagt zu haben, dass man ihn liebt – und seine baldige Rückkehr nach Hause planen. Denn was soll Gigi noch hier, wo Anschar doch nun nicht mehr ist? Da will sie auch nicht mehr sein, zumindest nicht in Argad.

Ohhhhhhhhhh! Mach jetzt keine Dummheiten, Kind! Glaub' doch nicht einfach alles, was man Dir so erzählt!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Denn was soll Gigi noch hier, wo Anschar doch nun nicht mehr ist? Da will sie auch nicht mehr sein, zumindest nicht in Argad.

Wie, nicht gleich ein ersticktes "Nein - das kann nicht sein, das glaube ich nicht! Ich muss IHN(TM) suchen gehen!" ?
Ich bin etwas überrascht, aber ich glaube, eher positiv :) *wissen will,wie es weitergeht*

Grüße,
Trin o'C

viverrida hat gesagt…

Schließlich hat Malle den Gott im Keller zwischen Wein und Ommas eingemachtem Kürbis süß-sauer gut eingelagert.

Jetzt stelle ich mir einen süß-sauer eingelegten Gott vor. Hm.

Vinni hat gesagt…

Vielleicht besinnt sich Gigi ja auch noch auf den Gott, der ja irgendwo sein muß. Auch wenn sie nicht weiß, daß er in Malles Keller zwischen Staubflusen sitzt, hat sie ihn ja immerhin schon mal getroffen und ist ja quasi seine Abgesandte ;)

Undomiel hat gesagt…

Haach, was für ein Drama! *schmelz*

Übrigens, ich als Niederbayerin kann mit Schorsch gut leben. Jetzt hab ich nämlich das Bild von Schorsch Clooney vor Augen *weiterschmelz*

Und: süß-sauer eingelegte Götter sind lecker!